Alte Waldauer Kirche

Die Evangelische St. Stephanskirche zu Bernburg – Waldau

Der Namenspatron der Kirche ist der Heilige Stephanus, der als erster um seines christlichen Glaubens willen in Jerusalem starb. Sie steht auf dem Stephansberg und wird 964 erstmalig als eine von Gernrode abhängige Parochie (Pfarrbezirk) erwähnt. Sie scheint eine höhere Stellung eingenommen zu haben, denn ihre Geistlichen waren Stiftsherren von Gernrode. 1292 wird sogar ein gewisser Johannes als Archipresbyter (Erzpriester, Stellvertreter des Bischofs) bezeichnet. Auch waren ihre Geistlichen meist aus Adelsgeschlechtern.

Über den Bau der jetzigen Kirche sind keine Nachrichten vorhanden. Das Kirchenschiff in seiner jetzigen Gestalt stammt aus dem 12. Jahrhundert. 781 wurde das Bistum Halberstadt gegründet. Wahrscheinlich wurden von dort Missionare nach Waldau gesandt. Karl der Große (768-814) hat von hier aus seinen Einfall in das Land der Wenden östlich der Saale bewerkstelligt. Auch das läßt auf einen Kirchenbau schon zu dieser Zeit schließen.

„Die Kirche liegt wehrhaft und trotzig über dem weiten Saaletal, im Innern aber kündet sie von weltabgewandter Stille. Der Bau atmet norddeutschen Ernst und stellt eine konservative Baugesinnung dar.“ (Rudolf Schneider)

Der Grundriß zeigt ein einfaches Rechteck, an das sich westlich der Turm und östlich ein Altarhaus mit runder Apsis anschließt. Der Turm bildet ein längliches Rechteck mit 1 m starken Grundmauern. Im unteren Geschoß ist ein Tonnengewölbe, das sich früher zur Kirche mit einem Rundbogen öffnete und über dem sich noch zwei Stockwerke befinden. Jedes derselben hat nach Osten und Westen je zwei gekuppelte Rundbogenfenster, nach Süden und Norden nur je ein solches. Zwei östliche Fenster sind durch das Kirchendach verdeckt. Das Dach des Turmes ist ein viereckiges Satteldach. Das Schiff der Kirche ist einfach. Es hat nach Norden und Süden je drei Rundbogenfenster. Im Süden befindet sich unter dem westlichen Fenster das Portal.

Zum Altarhaus hin öffnet sich das Schiff durch einen einfachen Rundbogen, an den sich dieses mit verkürzter Breite und Höhe anschließt. Es wird durch je ein Fenster nach Süden und Osten erleuchtet. Der ganze Bau wird durch die runde, dreifenstrige Apsis abgeschlossen.

Die Kämpfergesimse des großen Rundbogens im unteren Geschoß des Turmes sitzen auf Pfosten, die 1,30 m tiefer auf den Fundamenten ruhen. In diesem unteren Teil des Turmes haben wir den Rest eines Baues aus dem 11. oder sogar aus dem 10. Jahrhundert. Durch Grabungen konnte bewiesen werden, daß die Fundamente von Kirche und Turm vollkommen verbunden sind. So kann man daraus schließen, daß die jetzige Kirche auf den Fundamenten der früheren aufgebaut und ein Rest des Turmes beim Aufbau wieder mit verwendet wurde.
Man hat beim Wiederaufbau mit dem Turm begonnen, da man in jener Zeit den Kirchturm als Wachturm benutzte. Im ersten Stock sind nach Osten zwei Fenster vorhanden, die beim späteren Aufbau des Schiffes durch das Kirchendach verdeckt wurden.
Ein Stein aus dem früheren Bau ist beim Portal als Schlußstein eingefügt worden. Er zeigt „das halbe Männchen“, eine Figur in ganz roher, flacher Arbeit, die große Ähnlichkeit mit dem Kruzifix aus dem 11. Jahrhundert im Tympanon (vertieftes, halbrundes Türbogenfeld an kirchlichen Portalen) in Rathmannsdorf besitzt. Sie stellt vermutlich den Heiligen Stephanus dar. Die andere Hälfte ist vielleicht noch in einem der anderen Schlußsteine in der Vermauerung zu suchen.
Ob wir in den Säulen und Kapitellen der Fenster noch Überreste eines älteren Baues haben, ist nicht zu sagen. Sie sind alle verschieden. Dem Charakter nach ist die im unteren Stock an der Südseite befindliche die älteste. Die Basis besteht aus einer einfachen Platte, welche mit dem dicken, nach der Mitte zu stark anschwellenden Schaft, aus einem Stück ist. Auf diesem liegt ein Wulst, auf welchem das einfache, mit Schildbogen verzierte Würfelkapitell ruht. Das Kämpfergesims ist erst bei einer Ausbesserung in diesem Jahrhundert eingefügt worden.

Das Portal an der Südseite wird durch zwei Säulen gebildet, die den Rundbogen tragen. Die Säulen sind erst später hier angebracht, da sie aus dem 13. Jahrhundert stammen und nach ihrer Größe gar nicht hierher passen. Bis zu einem Viertel ihrer Höhe stehen sie nämlich auf viereckigen Pfosten, und auf dem Kapitell ist noch ein zweites, trapezförmiges aufgesetzt, so daß sie selbst sehr gedrückt erscheinen. Die linke Säule steht auf einer attischen Basis. Der Schafft ist achteckig und trägt auf einem Pfahl das Kapitell, welches derart mit Blattwerk geziert ist, daß in den abgeschrägten Ecken sowohl wie an den Seitenflächen ein durch Perlschnur gehaltenes Blattbündel steht. Die rechte Säule ist eine aus 10 Stäben bestehende Bündelsäule, welche ein ähnliches Kapitell wie die andere trägt. Auf beiden Kapitellen liegt noch eine nicht vorspringende Deckplatte mit Würfelverzierungen. Dann folgt das glatte Trapezkapitell mit glatter, vorspringender Platte, auf der der Rundbogen liegt.Das Tympanon ist glatt und zeigt nur in der Leibung jene oben erwähnte halbe Steinfigur. Der Bogen vom Turm nach der Kirche ist zum Teil zugemauert und jetzt durch eine viereckige Tür verschlossen. Die Leibungen der Pfosten sind aus einem Stein und tragen je ein Kreuz, welches sich auf einem langen Stil befindet, der unten auf einem Halbkreis steht. Es scheint, daß es Grabsteine waren mit frühromanischen Formen eines Grabkreuzes. Ob hier Kreuzfahrer begraben liegen? Denn außer bei Geistlichen war es auch bei Kreuzfahrern Sitte, Kreuze aufs Grab zu stellen.

Vor etwa 100 Jahren ließ die Waldauer Kirchengemeinde eine neue Kirche bauen, die 1894 eingeweiht wurde. Anlässlich der 1910 stattgefundenen großen Restaurierung der Kirche wurden An- und Einbauten späterer Jahrhunderte wieder beseitigt und so der ursprüngliche romanische Zustand wieder hergestellt. Aus dieser Zeit stammt auch der Altar. Die Kirche diente einige Jahrzehnte als Museum für Grabsteine.

Am 10.10.1954 wurde erstmals wieder zu einer musikalischen Abendandacht eingeladen, und seitdem fanden hier hin und wieder Sonderveranstaltungen statt. Als dann die neue Kirche immer mehr verfiel, zog die Kirchengemeinde, inzwischen kleiner geworden, wieder in die alte Kirche ein. Die neue Kirche, mittlerweile in ruinösem Zustand, wurde 1990 verkauft.

Ende der 80er Jahre wurden umfangreiche Restaurierungsarbeiten durchgeführt. Die alte Balkendecke wurde freigelegt. Die breiten Risse im Mauerwerk wurden mit Mörtel verpreßt Im unteren Teil wurde innen ein Sanierputz aufgetragen, der porös und damit durchlässig für aufsteigende Feuchtigkeit ist. Für die Beleuchtung durch Kerzen wurden schmiedeeiserne Leuchter angefertigt. Ein siebenarmiger Leuchter erinnert an die Verwurzelung des Christentums im jüdischen Glauben. Der darin eingeschmiedete Stein aus Jerusalem weist auf Stephanus, den ersten Märtyrer der Kirche, hin. Er fiel durch „Wunder und große Zeichen unter dem Volk“ auf und wurde um seines Glaubens willen vor den Toren Jerusalems gesteinigt. Am 26.5.1990 konnte die Kirche wieder eingeweiht werden.

Die Evangelische Kirchengemeinde St. Stephan umfaßt 280 Mitglieder (Stand: 2005). Die Kirche liegt unmittelbar an der (am 20.8.1846 eingeweihten) Eisenbahnstrecke Bernburg – Güsten und nahe der Bundesstraße 71 am Ortsausgang in Richtung Magdeburg.
Zur Straße der Romanik gehörend, ist sie nun wieder stärker in den Blickpunkt gerückt. Menschen aus nah und fern werden hierher kommen und diesen schlichten und schönen Bau mit seiner über 1000jährigen Geschichte sehen und entdecken.